DVD-Review: Nirvana live at Reading

Anfang der 90er: Frau Dr. Merkel hieß noch Herr Dr. Kohl, blühende Landschaften gab es maximal bei der Bundesgartenschau in Dortmund, Raider hieß plötzlich Twix und harte Musik kam meist von Kerlen, die aussahen wie Frauen. Kurzum: Wer einen Grund zum Rebellieren brauchte, musste nicht lange suchen. In diese Stimmung hinein platzte plötzlich ein Sound, der so rauh, intensiv und ehrlich, der von solch brutaler Schönheit war, dass es klang als hätten die Kinder von Sid Vicious und John Lennon eine Band gegründet. Nirvana waren geboren.
1992, als die Gruppe um den traurigen Helden Kurt Cobain nach der Veröffentlichung des "Nevermind"-Albums den Zenit ihres ersten Erfolgs erreicht hatte, war sie Headliner beim traditionsreichen Reading-Festival. Dieser Auftritt wurde von den Lesern des Kerrang-Magazins zur Nummer eins auf der Liste "100 Gigs That Shook The World" gewählt. Und auch in einem Poll des NME erkoren die Leser den Auftritt im Süden Englands zu "Nirvana’s #1 Greatest Moment". Jetzt gibt es das 100-minütige Grunge-Feuerwerk, das angeblich zu den am meisten gebootlegten Konzerten überhaupt gehört, zum ersten Mal in Dolby-Qualität auf DVD und CD fürs Wohnzimmer.
Musikfreunde jüngeren Datums werden vermutlich etwas fassungslos vor der Flimmerkiste hocken und fragen: "Was fandet ihr nur an dem Typen?" Cobain lässt sich im Rollstuhl auf die Bühne fahren, rotzt seine Songs mit einem OP-Hemdchen bekleidet vor die mehreren Zehntausend Zuschauer, trifft gesanglich nur selten den richtigen Ton und kriegt kaum ein sinnvolles Wort zwischen die Songs. Und trotzdem oder gerade deswegen transportiert das Video sehr exakt was das fragile Gebilde Nirvana für die nachfolgenden Musikergenerationen bedeutete. "Vier Akkorde und eine schön schräge Melodie krieg ich auch hin", dachte sich auf einmal so mancher und lange zur Sechssaitigen.
Dass das so einfach nicht ist, zeigt die Playlist des pünktlich zum Weihnachtsgeschäft veröffentlichten Scheibchens. Eine Perle folgt auf die nächste: Drain you, Love buzz, Negative creep, In bloom, Come as you are, Lithium, Polly, Lounge act ... und selbstverständlich das unvermeidbare "Smells like teen spirit", das Cobain, Novoselić und Grohl mit einer fast schon unverschämten Variante von Bostons "More than a feeling" beginnen. Die Nevermind-Platte steht natürlich im Zentrum des Auftritts, aber auch Songs vom Debut "Bleach" und von der erst zwei Jahre später erscheinenden "In Utero"-Scheibe finden sich in der Setlist.
Insgesamt ein feine Platte um entweder in Erinnerungen zu schwelgen oder eine Band zu ihrer besten Zeit kennenzulernen.
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Das Review wurde übrigens für GetAddicted verfasst.













